Seroquälmärchen

Ein Buch von Jennifer Sonntag
mit Illustrationen von Franziska Appel

erschienen bei Edition Outbird

Über das Buch

Zu allen Zeiten wurden Märchen erzählt, nicht immer spielen sie im Wald, manchmal spielen sie auch in der Psychiatrie, in urbanen, von Menschen und für Menschen geschaffenen Räumen mit nüchternem Interieur. Es ist eingeschütztes Reich mit nach außen »fast« undurchdringlichen Pforten, mit angeschrägten Fenster- und Türklinken und ohne andere gefährliche Dinge, die zum Eskapismus im entleibenden Sinne einladen. So bleibt scheinbar nur die Flucht in eine Traumwelt, in der sich Patientenzimmer zu wundersamen Feenbehausungen und Buntstifte zu Zauberstäben wandeln. Das Antidepressivum wird zum magischen Elixier, besitzt aber auch hier eine Ambivalenz, wie man sie aus althergebrachten Märchen kennt.

Jennifer Sonntag über die Bilder

Besonders möchte ich mich bei meiner Kreativpartnerin und Freundin Franziska Appel bedanken, die meinem Märchen mit ihren Stiften Farben und Konturen schenkte, Zeichnungen ganz nach meinen Gedankenbildern so, wie sie auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können.

Galerie

Da das Buch in schwarz-weiß gedruckt ist, soll diese Galerie einen Einblick in die farbigen Originalbilder inklusive Bildbeschreibungen bieten.  


Mit beschwingten Schritten tänzelnd stolzierst du mir entgegen. Deinen rechten Arm ausgebreitet, um mich zu empfangen. Dein grünes knielanges Kleid wallt dir um die Beine. Deine grünen Augen blicken mich an, während dein kleiner Mund mit den zarten Lippen ein zurückhaltendes Lächeln zeigt. Lange blonde Haare umrahmen dein Gesicht. Mit deinem linken Arm hast du ein kleines weißes Einhorn an dich gedrückt. Hinter dir breiten sich in orangerot und gelb Lichtstrahlen aus. Oder sind es deine Flügel, kleine Fee, die dich zu mir tragen?


Einige Blätter liegen auf dem Tisch verteilt. Mit einem hellblauen Stift wird auf dem obersten Blatt ein Einhorn gezeichnet. Welche Hand ihn führt ist nicht zu erkennen. Doch was der Stift vollbringt ist gar wundersam. Die Linien erheben sich, sobald sie gezeichnet sind, vom Blatt. Seinen Kopf hat das Einhorn schon gereckt, seinen linken Flügel ausgebreitet. Es scheint nur noch darauf zu warten, dass der Stift sein Werk vollendet, um den Grenzen des Blattes endgültig zu entfliehen.


Einen imposanten Anblick bietet dieses Einhornportrait. Seine Augen wirken tief und nachdenklich. Ich meine gar etwas Bedrohliches in ihnen erkennen zu können. Auch sein Horn hat etwas Beunruhigendes an sich. Erinnert seine Form doch eher an eine Messerklinge.
Erst jetzt bemerke ich diese zarte fast durchscheinende Gestalt, die direkt vor diesem imposanten Fabeltier steht. Die langen blonden Haare bedecken ihre Schultern. Aug in Aug steht sie vor dem Einhorn, das sie offensichtlich nicht beunruhigen kann.


Verängstigt hast du dich mit deinem grünen Kleid auf dem Boden zusammengerollt. Mit deinen Händen verbirgst du dein Gesicht vor den düsteren Schatten und Fetzen, die von allen Seiten aus der Dunkelheit nach dir greifen.


Eine schlanke androgyne Gestalt mit kurzen schwarzen Haaren steht vor einem abgekippten Fenster. Während sich der Blick sehnsuchtsvoll nach draußen gerichtet hat, führen die schlanken Finger der rechten Hand eine Zigarette zum Mund. Das schwarze T-Shirt gibt den Blick frei auf unzählige rote Narbenlinien auf dem Unterarm.


Ein dynamischer Tanz den hier die beiden Personen vollführen, umgeben von roten und orangenen Luftschlangen. Oder sind es gar Flammen? Ihre rechten Handflächen berühren sich auf Brusthöhe. Doch tanzen sie wirklich zusammen? Aus ihren Posen lässt sich trotz der Berührung der Hände kein gemeinsamer Tanzschritt ableiten. Die blonde Dame in dem grünen Kleid scheint förmlich zu schweben. Ihr linker Fuß berührt nur mit den Zehenspitzen den Boden, während das rechte Bein wie im Sprung nach hinten angewinkelt ist. Vor ihr die schwarzgekleidete Person, die mir nur den Rücken zeigt. Ihre Haltung wirkt elegant, fast steif. Das linke Bein steht fest auf dem Boden, das rechte ist leicht nach vorne angewinkelt, ohne dass sich die Zehenspitzen vom Boden gelöst hätten. Der linke Arm ist leicht nach hinten weggestreckt.


Erbarmungslos haben sich die grünen Schlingpflanzen um ihre Beine gelegt, um sie tiefer in das dunkle Wasser zu ziehen. Den Blick verzweifelt nach oben gerichtet, wo nur einzelne Lichtstrahlen die Wasseroberfläche durchbrechen. Den Mund geöffnet die Arme nach oben gereckt, als würde sie nach Hilfe rufen. Ihre langen schwarzen Haare und ihr blaues Kleid schweben elegant im Wasser, während sie mit dem Tode ringt.


Ich erblicke zwei wunderschöne weibliche Gesichter in intimer Nähe zueinander. Von der einen, mit den glatten schwarzen Haaren, sehe ich nur die rechte Gesichtshälfte im Profil. Augen und Mund hat sie geschlossen und scheint aufmerksam zu lauschen. Der hinteren Dame sehe ich direkt ins Gesicht, doch erblicke ich nur ihre linke Gesichtshälfte, da die Schwarzhaarige ihre andere Gesichtshälfte verdeckt. Ihr wunderschönes grünes Auge ist geöffnet. Blickt sie mich an? Nein, sie scheint auf etwas anderes zu blicken. Ihr Mund ist leicht geöffnet und sie flüstert der Dame mit den geschlossenen Augen zu.


Ruhig und entspannt sieht es aus, wie du so vor mir in deinem Bett liegst. Deinen Kopf mit den langen schwarzen Haaren sorgsam auf das Kissen gebettet. Mit deiner rechten Hand, die auf deiner Brust ruht, hast du einen kleinen goldenen Stern umfasst, der an einem dünnen Faden hängt. Von ihm gehen beruhigende Lichtstrahlen in Gold und Grün aus, die sich schützend über deinen Schlaf spannen.


Ein geflügeltes Einhorn entschwebt in den sternenklaren Nachthimmel. Zwischen seinen Flügeln eine Frauengestalt mit blonden langen Haaren und grünen Kleid. Sie blickt über ihre Schulter zurück zu mir. Ihre grünen Augen funkeln und verleihen ihrem Blick etwas unnatürliches, ja, fast geisterhaftes. Sie trägt einen dünnen schwarzen Schal um den Hals. So dünn, dass er eher wie ein Strick anmutet. Links im Bild erblicke ich noch eine vierkantige Säule. Oder ist es der Mittelsteg eines geöffneten Fensters? An ihm ist das verbliebene Stück eines schwarzen abgerissenen Seils gebunden.