Rolli auf Abwegen

Inmitten des Szenenbildes: Ein Mann und eine Frau, nackt, umgeben von Dunkelheit. Ihre weißen Körper treten aus dem Schwarz hervor, strahlend, lustvoll. Ein Rollstuhl dient ihr als Sitz, nur eines der Räder ist durch seine leicht seitliche Position auf den ersten Blick zu erkennen. Lustvoll legt sie den Kopf in ihren Nacken, dort wo ihre Haare hinter ihre Schultern fallen. Die Augen sind geschlossen, die Lippen geöffnet, sodass die Fantasie dem stummen Genuss ein Seufzen hinzufügen möchte.

Ein Jammer, ihr nicht direkt ins Gesicht sehen zu können. Das markante Kinn, ihre Kiefer- und Wangenknochen, all das deutet auf eine besondere Schönheit hin. Deutlich erkennbar sind der gestreckte, schlanke Hals, die Schattierungen des Schlüsselbeins und der natürlich schöne Busen. Er müsste vor Verlangen beben, so wie er durch den nach hinten gelehnten Rücken hervorsteht.

Ihre Beine stehen für ihren Liebhaber geöffnet. Angespannt, auf Zehenspitzen gehen sie weit über die Breite des Rollstuhls hinaus. Denn hier muss der Kopf ihres Gefährten Platz finden, zwischen ihren Beinen, in ihrem Schoß.

Auf seinen breiten Schulten ruht die schmale, linke Hand der Frau. Genau da will sie ihn, genau da, wo er gerade ist.

Von seinem Gesicht ist so nichts zu erkennen, allein dunkle lange Haare wären zu vermuten. Hingebungsvoll hat er vor ihr Platz genommen, versunken in seinem Spiel. Sein rechter Arm ist angewinkelt, die Hand findet ihren Platz an der Innenseite ihres Oberschenkels – oder ist sie gar schon viel weiter?

Der Oberkörper wirkt gut trainiert, doch viel mehr als der Rücken ist nicht zu sehen. Dieser aber ist eindrucksvoll und von besonders auffälligen Narben gezeichnet. Eine etwa ganz unten an der Wirbelsäule, eine windet sich weiter oben um den linken Rippenbogen. Der Hintern, auf dem er sitzt, ist schmal, die Beine liegen nach rechts angewinkelt. Im Kontrast wirken sie dürr und knochig.

Welchen Ort haben sich die beiden für ihr lustvolles Treiben erwählt? Könnte es eine Wiese sein? Ein Wald? Ein Abenteuer nachts im Park? Ganz schwach sind Verwischungen im Hintergrund erkennbar. Sind das Blätter? Ein Gebüsch? Und selbst  das Paar, eben noch so kontrastreich, durch scharfe Konturen so deutlich zu sehen, will nun plötzlich mit der Dunkelheit verschwimmen.

Etwas trübt den Blick, verweht das Bild… vielleicht besser, sie bleiben allein, ganz versunken und für sich. Nur zwei Menschen,  die sich lieben, auf einem Bild, in dem manches nicht so sein mag, wie es zunächst scheint.


von Benjamin Schmidt

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